Warum ich das Lesen in der Schule gehasst habe ODER wie mir klassische Literatur verdorben wurde

Als ich vor kurzem mit meiner besten Freundin aus Schulzeiten zusammen saß, kam das Gespräch auf ein Thema, auf das wir doch ab und zu noch einmal stoßen: die Schule. Schöne Zeit – keine Frage. Vielleicht sogar eine der schönsten, vor allem wenn man die Oberstufe, also Klasse 11 und 12 betrachtet. So entspannt wird es wahrscheinlich nie wieder werden, wenn man das Thema mal ganz nüchtern betrachtet. Und wie wir so da saßen und redeten, über gutes und schlechtes und dabei vielleicht das ein oder andere Glas Wein geleert haben, kamen wir auf eines der leidigsten Punkte in diesem Themenbereich: der Deutschunterricht. 

Zwei Jahre haben wir uns durch den Deutsch-Leistungskurs gequält und hatten irgendwie von Beginn an das Gefühl, wir hätten doch eher Mathe als Leistungskurs wählen sollen. Und das lag nicht am Fach selbst… nach ausführlichen Diskussionen haben wir einstimmig beschlossen: Es lag an der Lehrerin (und da hier ja alles anonym ist, darf ich das, wie ich finde auch ganz offen sagen) und an der Literaturauswahl.

Bild1

Ich habe beschlossen mit meiner Meinung zur Pflichtlektüre zu beginnen. Und schon mit diesem Wort fängt eigentlich alles an… Pflichtlektüre. Der Zwang zu lesen… Mit dem Satz „DU MUSST“ hatte bei mir ja im allgemeinen noch niemand Erfolg. Die Vorgaben beginnen ja bei der Reihenfolge der Bücher, über den genauen Zeitpunkt wann es zu lesen ist, bis hin zu den Kapiteln die in einem bestimmten Zeitraum zu lesen sind. Bei sowas reagiere ich einfach allergisch. Lesen soll für mich Spaß machen und nicht zum Zwang werden. Während der letzten zwei Schuljahre haben wir 7? Bücher gelesen, Oder 8? Ich weiß es nicht mehr ganz genau und will mich auch nicht festlegen. Genau 1 hat mir gefallen, „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. „Antigone“ von Sophokles war in Ordnung, genauso Schillers „Maria Stuart“. Im Nachhinein glaube ich sogar, dass es die ersten Bücher in der Reihe waren, danach ist meine Motivation (vor allem aus genannten Gründen) immer weiter gesunken. Mein absoluter Tiefpunkt war übrigens „Der Prozess“ von Franz Kafka. Und alle die seine Bücher mögen ignorieren den nachfolgenden Satz bitte: Ich habe es gehasst!!! Und das aus voller Seele. Ich kann mit Kafka einfach nicht. Nicht vorwärts und nicht rückwärts und auch sonst nicht. Dieses Erlebnis hat mir dann auch alles was noch kommen sollte versaut. Meiner Meinung nach bewegt man auch keinen jungen Menschen dazu zu lesen, in dem man ihm die ältesten Schinken vorsetzt. Ja klassik zu lesen ist wichtig und sollte auch gemacht werden, aber die Dosis macht es eben. Und sein wir doch realistisch… einen Menschen im Alter von 16/17/18 Jahren, der so schon nicht gern liest, lockt man mit diesen Büchern nicht hinter dem Ofen vor. Zwar war auch ein modernes Buch Gegenstand des Lehrplanes… aber nach endlosen Debatten über die verschiedenen Epochen und ihre Merkmale ist eben holte „Corpus Delikti“ von Juli Zeh die Kohlen eben auch nicht mehr aus dem Feuer – nicht zuletzt weil der unmotivierte Schüler auch mit einer Null-Bock-Einstellung an das Ganze heran geht.

Ich habe übrigens über 2 Jahre gebraucht bis ich dann im Rahmen des Buch-Dates wieder einen Klassiker in die Hand genommen habe. Und so richtig traue ich mich nach wie vor noch nicht ran. Im Geiste guckt einfach immer noch besagte Lehrerin um die Ecke und verlangt von mir, dass ich den Dialog von Seite 75 über mindestens 5 Seiten interpretiere, wobei ich nicht mal so recht weiß wie ich das erste Blatt voll bekommen soll.

Ich denke das ist auch eine Gute Überleitung zu dem zweiten Punkt mit dem ich hadere: meine Lehrerin. Klar, es gibt allgemeine Dinge durch die sich jeder Schüler quälen muss, Interpretationen von verschiedenen Sachen und und und. Aber doch war es bei ihr anders… ich kannte das alles ja aus den vorherigen Jahren und nie war es mir so nervig vorgekommen. Ich bin mit der Frau einfach nicht warm geworden. Ich kann es auch nicht so richtig beschreiben…. obwohl doch! Da fällt mir doch glatt eine kleine Begebenheit ein, von der ich euch berichten kann. Meine Deutsch-Lehrerin hatte ein gewisses Faible für sexuell ausgerichtete Interpretationen. Und das von allem und jedem. Mein persönlicher Höhepunkt war die sexuelle Auslegung der Geschichte um Faust, oder viel mehr um Gretchen… dieses Luder 😀 Es gibt aber auch kein anderes Thema über das ein 17jähriger lieber mit seiner Lehrerin Spricht. So bekommen eben die Klassiker, die dem Leser so schon nicht recht gefallen wollen noch einmal einen ganz anderen Glanz. Es macht eben einfach keinen Spaß, wenn man mit dem Vorlesen an der Reihe ist und Angst haben muss, dass wieder eine so interpretierbare Szene vorkam. Einmal diskutierte sie mit einem Mitschüler über eine angebliche Anspielung von Oralsex. Solche Erlebnisse machen den Unterricht eben erst so richtig interessant 😀

Insgesamt habe ich glaube nie wieder so wenig in meiner Freizeit gelesen wie in diesen beiden Jahren. Erst nach meinem Abitur habe ich wieder intensiv damit angefangen. Ich will es natürlich nicht nur darauf schieben… es gab natürlich auch andere Einflüsse die mich ein bisschen vom Lesen abgehalten haben. Und doch schiebe ich es ein bisschen darauf. Wenn man gerade nicht die größte Leselust hat, bringt es einen dann meistens nicht weiter ein Buch zu lesen, auf das man so gar keine Lust hat… wie zum Beispiel Shakespeares „Hamlet“.

Natürlich ist es nicht leicht, Bücher heraus zu suchen, die den Anforderungen des Lehrplans entsprechen. Aber es muss doch andere Möglichkeiten geben, oder was meint ihr? Seit ihr für die klassische Ausrichtung der Pflichtliteratur, oder seht ihr es ähnlich wie ich, dass man es eben doch auch anders gestalten kann und sollte? Man wird es ja sowieso niemals allen recht machen… aber ein bisschen mehr kann man doch ganz klar rausholen ♥

unterschrift-laura

Advertisements

16 Kommentare zu „Warum ich das Lesen in der Schule gehasst habe ODER wie mir klassische Literatur verdorben wurde

  1. Das kommt mir so bekannt vor, bloß das mein Kafka Goethe ist, bei dem bekomme ich bis heute Würgereflexe. Wir hatten als Thema eine Zeit lang Trivialliteratur, ich ahnte nicht, wie lang 60 Seiten sein können, egal ob Arzt- oder Liebesroman. Aber insgesamt gesehen waren die Deutschpflichtlektüren immer, und da war es egal welche literarische Qualität vorlag, eine Form von Folter.

    Gefällt 1 Person

    1. Da kann ich dir nur beipflichten. Vielleicht ist es auch insgesamt der Umstand es in der Schule lesen zu müssen, der es einen so schwer macht. Da ist die Lust schon von Beginn an eher gering.

      Gefällt mir

    2. Also ich kann mich erinnern, ich mochte tatsächlich 2 oder sogar 3 Bücher aus der Pflichtlektüre ganz gern, auf jeden Fall „Tod in Venedig“ von Thomas Mann und „Die Physiker“ von Dürrenmatt sind mir sehr positiv in Erinnerung geblieben. Als Ausgleich habe ich immer noch ein anderes Buch nebenbei gelesen, welches absolut nichts mit dem Unterricht zutun hatte. 😀

      Gefällt 1 Person

      1. Bei uns waren es „Die Judenbuche“, „Das Fräulein von Scuderi“, „Der Hauptmann von Köpenick“, eines der größten Probleme war einfach, dass die Bücher zu Tode gekaut wurden. Als Beispiel „Der Hauptmann von Köpenick“, wir mussten es selbst lesen, im Unterricht selbst, mussten sämtliche Verfilmungen im Unterricht ansehen und auch noch die Theateraufführung besuchen, irgendwann kommt dir das Zeug aus den Ohren.

        Gefällt 1 Person

  2. Ich hatte das Glück, dass ich mein Abitur im „zarten“ Alter von 24 bis 27 über die Erwachsenenbildung nach geholt habe. Da haben wir natürlich auch Klassiker gelesen, aber in dem Alter geht man ja auch noch mal anders an die Dinge heran. Am meisten Spaß hat es gemacht, „Romulus“ von Dürrenmatt mit verteilten Rollen (und verstellten Stimmen) laut zu lesen ….

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja das kann ich mir vorstellen. Vielleicht ist man dann auch einfach insgesamt interessierter an solchen Themen 🙂
      Ich selbst sehe es jetzt, drei Jahre nach dem Abi, ja auch schon ein bisschen anders.

      Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank ❤️

      Schön, dass du es genauso siehst. Man kann ja auch Projekte machen, in denen Schüler jeder das liest was er will, und den Verlauf des Lesens dann vorstellt. Aber nein wie quälen uns doch lieber durch Kafkas Gedanken 😅

      Gefällt mir

  3. Damals an der Realschule hatten wir kein besonders strenges Bücherregiment im Deutschunterricht. Eine Klassenlektüre pro Jahr und dann eine Leseliste, bei der sich jeder ein Buch aussuchen sollte um ein Referat zu halten.
    Dadurch konnte man zwar mit seinem Buch hadern, aber die anderen Referate klangen irgendwie spannend… Eine total überforderte Mitschülerin bekam einen hysterischen Lachanfall, als sie die Handlung von „Der Erwählte“ zusammenfassen musste… Unbezahlbar! Natürlich musste ich das lesen!
    Ich habe mich in der 9. und 10. Klasse freiwillig durch die Leseliste der ganzen Klasse gearbeitet und dafür bin ich noch heute dankbar… Als Buchhändler muss man ja ständig die neusten Romane gelesen haben, aber wenn man dann Lücken bei den Klassikern hat steht man von Kunden schnell doof da. 😉
    Einen gewissen Bildungskanon (schreckliches Wort!) finde ich nicht schlecht, schon alleine um Referenzen zu verstehen… Ideal ist es halt, wenn man das Interesse dafür aber selbst entwickelt. Die Referate Methode fand ich ganz gut.
    PS: Ich hatte glaube ich als Einzige einen (damals) noch lebenden Autor. Herbert Rosendorfer – Briefe in die chinesische Vergangenheit. Ich habe mit dem guten Mann telefonisch und er hat mir das komplette Referat praktisch am Telefon gemacht. 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Klingt auf jeden Fall spannenderer als unsere Variante 🙂
      Auch die Idee mit der Leseliste finde ich schön – da erfährt man auch gleich selbst eine Menge über andere Bücher 🙂

      Gefällt 1 Person

  4. Ich habe mein Abi auf dem 2. Bildungsweg gemacht – aber ich hatte auch so einen miesen Lehrer. Das schlimme fand ich damals nicht mal die Auswahl der Literatur, sondern dass anscheinend nur die Interpretationen galten, die in bei der Begleitliteratur erwähnt wurde. Wenn ich das anders sah – falsch. Ich habe nur ein einziges mal eine relativ gute Note bei dem A…. geschrieben. Da hat er Schlafes Bruder ausgewählt. Da gab es noch keine Begleitliteratur, da es ganz neu war. Da konnte ich endlich mal interpretieren, wie ich das sah. Wie befreiend das war.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

    1. Sowas kann ich auch immer nicht verstehen. Man weiß schließlich nicht was sich sich die jeweiligen Autoren dabei gedacht haben, daher müssen auch alle Interpretationen akzeptiert werden…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s